Sexismus

Die Gründe für den niedrigen Frauenanteil in der Politik sind vielschichtig, aber Studien und Umfragen zeigen: Frauen in der Politik erleben Sexismus. Sexistische Sprüche, abwertende Kommentare über Aussehen oder Kleidung, ungleiche Chancen: Sexismus als Diskriminierung aufgrund des Geschlechts ist auch in der Politik nach wie vor alltägliche Realität und vor allem im Wahlkampf nochmal präsenter. Insbesondere Frauen und queere Personen sind davon besonders betroffen.

Sexismus ist die Bewertung, Herabwürdigung, Benachteiligung oder Bevorzugung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts. Er beruht auf Vorstellungen darüber, wie Menschen aufgrund ihres Geschlechts „sind“, „sein sollten“, behandelt oder dargestellt und welche Rechte und Chancen ihnen zugestanden werden. Sexismus ist eine Form von Diskriminierung1Bündnis gegen Sexismus (Glossar).

Politikerinnen: Geschlecht statt Kompetenz

„Frauen sind zu emotional und deshalb ungeeignet für die Politik“Frauen wird häufig unterstellt, dass sie in politischen Entscheidungsprozessen zu emotional seien. Diese stereotype Vorstellung führt dazu, dass ihre Fähigkeiten und ihr Urteilsvermögen in Frage gestellt werden, besonders bei wichtigen, sachlichen Themen. Frauen wird wegen ihres Geschlechts Kompetenz abgesprochen.  

„Frauen interessieren sich nur für weiche Themen“: Frauen wird unterstellt, sich vor allem für soziale Themen wie Familienpolitik oder Bildung zu interessieren oder in diesen über Expertise zu verfügen. Themen wie Wirtschaft oder Finanzpolitik werden ihnen weniger zugetraut. 

Politikerinnen werden oft als „Image-Botschafterinnen“ eingesetzt, um eine Partei in einem positiven Licht darzustellen. Ihre politische Expertise tritt dabei oft in den Hintergrund, sie werden dabei auf ihr Geschlecht reduziert.

Eine Person steht mit verschränkten Armen vor einem Bücherregal.

Struktureller Sexismus in der Politik

Sexismus ist auch ein Grund, warum Frauen weniger Zugang zu politischen Ämtern haben: Listenplätze oder Kandidaturen werden öfter an Männer vergeben, oftmals weil Frauen weniger zugetraut wird. Gleichzeitig sind Frauen immer noch öfter für Familienaufgaben zuständig und stehen bei vielen Abendterminen oder langen Sitzungen vor dem Problem, dieses mit der Politik vereinbaren zu müssen. Absprachen und Netzwerke sind immer noch männlich geprägt und finden in informellen Räumen statt, zu denen Frauen keinen Zugang erhalten.

Anfeindungen gegen Politikerinnen 

Laut einer Umfrage von Hate Aid erleben 58% aller Politiker*innen Gewalt im digitalen Raum3Angegriffen & alleingelassen – Wie sich digitale Gewalt auf politisches Engagement auswirkt. Ein Lagebild. (Hate Aid). Frauen und marginalisierte Gruppen trifft es dabei häufiger und anders: sie werden aufgrund ihres Geschlechts angegriffen und erleben Frauenhass, misogyne Aussagen oder Bedrohungen gegen die Familie. Gleichzeitig ist bekannt: Mehr digitale Gewalt führt zu mehr analoger Gewalt.  

Auch sexuelle Belästigung ist in Parteien ein weitverbreitetes Phänomen. In der EAF-Studie „Parteikulturen und die politische Teilhabe von Frauen“ haben 40 % der befragten Politikerinnen angegeben, Erfahrungen mit sexueller Belästigung gemacht zu haben. Dabei haben mehr Frauen auf Bundesebene (55 %) als auf kommunaler Ebene (30 %) sexuelle Belästigung erfahren4EAF Berlin „Parteikulturen und die politische Teilhabe von Frauen“ (Studie). Die Politikerinnen berichten von unangemessenen und anzüglichen Bemerkungen über Aussehen, Figur und Kleidung, von Blicken und Musterungen. Nicht selten sind unerwünschte Berührungen oder „Anmachen“. Die Übergriffigkeiten finden meistens in informellen Situationen statt, Frauen erfahren diese von Parteikollegen, aber auch von Politikerin aus anderen Parteien. Besonders gefährdet sind jüngere und weibliche Neumitglieder in Parteien. 

Intersektionale Betrachtung von Sexismus in der Kommunalpolitik 

Besonders gefährdet sind Frauen aus marginalisierten Communities, etwa mit Migrationsgeschichte oder Frauen of Color: Sie erleben häufig intersektionalen Sexismus, sind also von Sexismus und zum Beispiel auch von Rassismus oder Antisemitismus betroffen. Sie werden anders und meist stärker diskriminiert als Frauen, die „nur“ Sexismus erfahren. 

Familie, Aussehen, Privatleben: Maßstäbe an Politikerinnen sind anders als an Politiker

Die Frisur von Angela Merkel, der Kleidungsstil von Annalena Baerbock oder das Aussehen von Ricarda Lang: Während männliche Politiker für ihre politischen Leistungen und Ideen bekannt sind, wird bei Frauen häufig ihr Aussehen stärker thematisiert oder über ihren Körper berichtet. Weiblichkeit wird dabei abgewertet, besonders mächtige Frauen werden hart angefeindet. Diese oberflächliche Betrachtung lenkt von ihren tatsächlichen Fähigkeiten und ihrer politischen Arbeit ab.

Bei Frauen in der Politik wird das Privatleben oft intensiver unter die Lupe genommen. Ob Beziehungen, Familienfragen oder persönliche Entscheidungen, all diese Aspekte werden viel häufiger zum öffentlichen Thema gemacht als bei ihren männlichen Kollegen. Besonders das Bild der „Mutter“ wird überdeutlich benutzt: Darf eine Mutter Politik machen? Kann sie das überhauptWer ist die nächste Mutter der Nation? 

Folgen: Sexismus ist eine Gefahr für die Demokratie 

Politikerinnen berichten von psychischen und physischen Folgen wie depressiven Verstimmungen oder Schlafproblemen. Hinzu kommt die Sorge um Familienangehörige. Einige überlegen, das Mandat aufzugeben, nicht mehr oder gar nicht erst anzutreten. Stichwort Silencing: Frauen beteiligen sich durch Anfeindungen seltener und weniger offen am öffentlichen Diskurs und/oder in den digitalen Medien – vielfältige Stimmen und Perspektiven werden so noch unsichtbarer. Da Frauen sowieso schon unterrepräsentiert sind, ist das eine Gefahr für die Demokratie. 

Was können wir tun?

  • Solidarisierung: Führungskräfte und Parteikolleg*innen sollten sexistische Angriffe auf Frauen klar verurteilen und dafür alle Kommunikationskanäle nutzen. Betroffene brauchen Unterstützung – über Parteigrenzen hinweg.
  • Parteien in der Verantwortung: Parteien sollten Strukturen gegen Diskriminierung und Belästigung schaffen, z. B. Schulungen, interne Leitfäden oder Monitoring-Programme für neue Mitglieder und Kandidat*innen und Anlaufstellen für Betroffene.
  • Code of Conducts: Verbindliche Verhaltenskodizes können zu einem besseren Arbeitsklima in Sitzungen beitragen. Sie sollten sexistische Äußerungen, sexuelle Belästigung und diskriminierendes Verhalten ausdrücklich verbieten.
  • Netzwerke: Überparteiliche Frauennetzwerke in der Politik können eine wichtige Ressource sein, sich auszutauschen und gegenseitig zu stärken.
  • Speak-Up-Kultur: Die Bedeutung von Eingreifen durch Zeug*innen sollte aktiv hervorgehoben werden. Frauen und Männer sollen gleichermaßen in Programme einbezogen werden, die aufklären, empowern und dazu befähigen, Gewalt und Diskriminierung nicht hinzunehmen.
  • Thema sichtbar machen: Politikerinnen können ihre Reaktion auf Sexismus üben, um die Reaktion im Falle des Falles zur Hand zu haben. Alle Politikerinnen sollten das Thema sichtbar machen, drüber reden, sich gegenseitig unterstützen.
  • kommunale Gleichstellungsbeauftragte stärken: Gleichstellungsbeauftragte als Anlaufstelle für von Sexismus Betroffene können gestärkt werden, indem Ratsmitglieder durch bspw. Schulungen für Sexismus sensibilisiert, klare Verfahrenswege bei sexistischen Anfeindungen etabliert werden und Bürgermeister*innen sich deutlich gegen Sexismus positionieren.

Kontakt

Nina Prehm
Nina Prehm
Senior Expert bei der EAF Berlin. Diversity in Leadership
T +49 (30) 3087760-43
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Ein Projekt der EAF Berlin in Kooperation mit dem Deutschen LandFrauenverband