Wieviel KI verträgt die Kommunalpolitik? Effizienter, schneller – aber auch gerechter?
“Das Engagement steht in ständigem Konflikt mit dem Rest des Lebens”
beschreibt Referent Dennis Eighteen.
Zeit ist knapp – und genau hier setzt Künstliche Intelligenz an. Was wäre, wenn sich Sitzungsunterlagen in wenigen Sekunden zusammenfassen lassen? Wenn die wichtigsten Punkte herausgefiltert werden – oder man sich die Inhalte einfach vorlesen lassen kann und sie wie einen Podcast auf dem Weg zur nächsten Sitzung hört?
Was nach Zukunft klingt, wird längst erprobt.
Wie kann Künstliche Intelligenz den politischen Alltag erleichtern – und wo liegen ihre Grenzen?
Beim Fachforum am 12.03. zu “KI in Kommunalpolitik und Verwaltung” im Rahmen des Projekts Frauen.Vielfalt.Politik. diskutierten Expert*innen aus Praxis und Forschung, wie KI als Werkzeug in Kommunalpolitik und Verwaltung eingesetzt werden kann – von konkreten Anwendungsbeispielen bis hin zu Fragen von Fairness, Verantwortung und Chancengerechtigkeit.
“Ich betrachte KI nicht als Ersatz für menschliches Denken, sondern als Entlastungsmotor”
Künstliche Intelligenz ist in der Kommunalpolitik und Verwaltung angekommen. Sie verspricht Entlastung, effizientere Abläufe und neue Möglichkeiten mit Informationen umzugehen. Gleichzeitig wirft sie Fragen auf: Wie verlässlich sind die Ergebnisse? Welche Verantwortung tragen die Nutzenden? Und was bedeutet das für demokratische Prozesse?
Gerade für ehrenamtliche Mandatsträger*innen kann das entscheidend sein. Ihr Engagement findet oft zusätzlich zu Beruf und Care-Arbeit statt. Was früher ein ganzer Abend war, dauert mit KI heute Sekunden: Informationen aus Sitzungsunterlagen schnell zusammenfassen, Textentwürfe erstellen oder Ergebnisse von Flipcharts einfach in ein Word-Dokument verwandeln. So kann der Zugang zu politischer Teilhabe erleichtert werden. KI nimmt zwar nicht die politische Arbeit ab, aber sie schafft Raum dafür.
Auch beim Schreiben bietet KI kreative Unterstützung. Ob Reden, Anträge oder Pressemitteilungen – ein erster Entwurf kann schnell erstellt werden und hilft, die oft gefürchtete “erste leere Seite” zu überwinden. Mandatsträger*innen können sich stärker auf Inhalte konzentrieren, während die KI bei der Struktur und Ausarbeitung unterstützt. Und so dabei hilft, die Ideen an die Bürger*innen oder Kolleg*innen zu vermitteln.
Ein wichtiger Appell bleibt trotzdem: der Einsatz von KI erfordert Verantwortung. Datenschutz, Transparenz und die sorgfältige Prüfung der Ergebnisse sind unerlässlich.
“KI ersetzt keine Haltung. Aber sie sorgt dafür, dass die Menschen mit Haltung nicht vor Erschöpfung aufgeben.”
Doch so groß die Entlastungspotenziale sind, so wichtig ist auch der kritische Blick. Lisa Hanstein, Senior Expert bei der EAF Berlin, beschäftigt sich mit Vielfalt und Chancengleichheit in der digitalen (Arbeits-) Welt. Technologischer Fortschritt ist eng mit gesellschaftlichen Fragen verknüpft und auch digitale Tools und KI spiegeln oft Stereotype und Diskriminierung aus dem echten Leben wider.
Eine Herausforderung ist der algorithmic bias, also die systematische Verzerrung in Algorithmen, die zu unfairen oder diskriminierenden Ergebnissen führen kann. Solche Verzerrungen spiegeln häufig bestehende gesellschaftliche Ungleichheiten wider oder verstärken diese sogar: In Österreich beispielsweise hat ein Algorithmus des Arbeitsmarktservice die Jobchancen von Arbeitslosen vorhergesagt – und dabei bereits benachteiligte Gruppen weiter diskriminiert. Frauen oder Mütter erhielten Punkteabzug bei der Evaluation.
Die Ursachen dafür sind vielfältig, häufig ist der Bias aber menschlichen Ursprungs. Unbewusste Vorurteile der vielen Beteiligten in der Entwicklung von KI-Systemen können sich in den Algorithmen niederschlagen. Und:
“die IT-Branche ist stark männlich geprägt”
sodass es vor allem zu geschlechtsspezifischen Verzerrungen kommen kann. Der Bias wird zusätzlich durch die Daten, mit denen die KI trainiert wird, verstärkt. Diese stammen aus dem Internet und enthalten noch gesellschaftliche Vorurteile und überholte Rollenbilder der Vergangenheit. Der KI werden diese Entwicklungen antrainiert und sie gibt diese weiter.
Unlösbar? Das sind diese Herausforderungen natürlich nicht. Es bedarf allerdings interdisziplinärer Lösungen von Wissenschaft, Wirtschaft sowie Politik – und einen sensiblen Einsatz von KI in der Verwaltung. Richtig eingesetzt kann KI nämlich sogar einen Beitrag zu mehr Chancengerechtigkeit leisten: Wenn Behörden Leitfäden bereitstellen, in denen sie für die Problematik von algorithmic bias sensibilisieren und Tipps geben, wie KI-Prompts inklusiv geschrieben werden, können Mitarbeitende sensibel mit KI umgehen. Zum Beispiel, indem die KI passend zum Problem gewählt wird, Prompts immer anonym und bewusst neutral oder divers formuliert sowie Ergebnisse mit Bedacht eingeordnet und verglichen werden.
Die Verwendung oder Entwicklung bias-sensibler KIs kann sogar einen positiven Beitrag zu Chancengerechtigkeit leisten: Augmented Writing ist ein praktisches Tool für fairere Kommunikation. Gerade bei Stellenausschreibungen kann die KI dabei unterstützen, Formulierungen zu erkennen, die gesellschaftliche Gruppen ausschließen, und zu überarbeiten – sodass sich eine breitere Gruppe an Bewerber*innen angesprochen fühlt und der Bewerbungsprozess inklusiver gestaltet werden kann.
Am Ende bleibt ein differenziertes Bild: Künstliche Intelligenz ist weder Allheilmittel noch Risiko per se. Sie ist ein Werkzeug – eines, das enorme Entlastung schaffen und neue Möglichkeiten eröffnen kann. Die Diskussion zeigt: relevant ist KI mittlerweile überall. Entscheidend ist, wie wir sie einsetzen.
Zu den Expert*innen

Lisa Hanstein arbeitet als Senior Expert bei der EAF Berlin an der Schnittstelle von Vielfalt und Chancengerechtigkeit in der digitalen (Arbeits-)Welt. Als Trainerin hält sie Workshops zu unbewussten Denkmustern und Vielfalt. Einer ihrer Schwerpunkte liegt auf dem Bereich “Bits & Bias”. Sie entwickelt Angebote und begleitet Unternehmen zu den Themen geschlechtergerechte Entwicklung sowie zu dem Einsatz von digitalen Angeboten und der Anwendungspotenziale von IT für mehr Vielfalt.

Dennis Eighteen ist selbstständiger Kommunikationsberater, Autor, Podcaster, Coach und Seminarleiter. Seine Themen sind Leadership, Kommunikation und Persönlichkeitsentwicklung. Er arbeitet mit Gruppen und im Eins-zu-Eins. Zu seinen Kund*innen zählen Firmen ebenso wie Non-Profit Einrichtungen. Mit dem politischen Betrieb und seinen Anforderungen ist er als ehemaliger Büroleiter von Olaf Scholz beim SPD-Parteivorstand sowie als pädagogischer Leiter der Parteischule bestens vertraut.
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