Engagement zwischen Tradition und Wandel: Geschlechterunterschiede in ländlichen Räumen


Zu den Autorinnen
Tuuli-Marja Kleiner (PD Dr. habil.) ist Senior Researcher am Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen. Sie forscht zu bürgerschaftlichem Engagement, sozialer Ungleichheit sowie zu Unterschieden zwischen ländlichen und städtischen Räumen.
Dr. Sylvia Keim-Klärner ist Senior Researcher am Thünen-Institut für Lebensverhältnisse in ländlichen Räumen. Sie forscht zu Familien in ländlichen Räumen und sozialen und räumlichen Ungleichheiten.
Geschlechterunterschiede im Engagement – bislang kaum räumlich differenziert erforscht
Zivilgesellschaftliches Engagement in Vereinen, Verbänden, sozialen Diensten und kirchlich-religiösen Zusammenhängen ist in ländlichen Räumen weit verbreitet, was vielfach als Motor für sozialen Zusammenhalt und eine hohe Lebensqualität vor Ort interpretiert wird. In dünn besiedelten ländlichen Regionen trägt Engagement außerdem zur Stärkung der kommunalen Infrastruktur bei und ergänzt öffentliche wie private Dienstleistungsangebote. Auf individueller Ebene eröffnet Engagement wichtige Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe und Integration. Darüber hinaus bietet es Chancen, eigene Ideen und Projekte zu verwirklichen, sich in sinnstiftende Tätigkeiten einzubringen, tragfähige persönliche Beziehungen zu pflegen und eigene Kompetenzen zu erweitern. Nicht alle Bevölkerungsgruppen sind jedoch in gleichem Maße in zivilgesellschaftlichen Organisationen vertreten1Dean, Jon (2022): Informal Volunteering, Inequality, and Illegitimacy. In: Nonprofit and Voluntary Sector Quarterly, 51. Jg., Heft 3, S. 527–544, https://doi.org/10.1177/089 97640211034580, und auch räumliche Unterschiede im Engagement werden beobachtet2Paarlberg, Laurie E.; Nesbit, Rebecca; Choi, Su Young; Moss, Ryan (2022): The Ru ral/Urban Volunteering Divide. In: Voluntas, 33. Jg., Heft 1, S. 107–120, https://doi.or g/10.1007/s11266-021-00401-2. Auffällig sind dabei geschlechtsspezifische Unterschiede im Engagement, die in mehreren Studien in Deutschland, aber auch in anderen Ländern dokumentiert wurden3Plagnol, Anke C.; Huppert, Felicia A. (2010): Happy to Help? Exploring the Factors As sociated with Variations in Rates of Volunteering Across Europe. In: Social Indicators Research, 97. Jg., Heft 2, S. 157–176, https://doi.org/10.1007/s11205-009-9494-x Gil-Lacruz, Ana Isabel; Marcuello, Carmen; Saz-Gil, Mª Isabel (2019): Gender diffe rences in European volunteer rates. In: Journal of Gender Studies, 28. Jg., Heft 2, S. 127–144, https://doi.org/10.1080/09589236.2018.1441016 Mao, Guanlan; Fernandes-Jesus, Maria; Ntontis, Evangelos; Drury, John (2021): What have we learned about COVID-19 volunteering in the UK? A rapid review of the literature. In: BMC public health, 21. Jg., Heft 1, S. 1470, https://doi.org/10.1186/s1288 9-021-11390-8. Studien zu Geschlechterunterschieden im Engagement in ländlichen Räumen oder Studien, die räumliche Unterschiede differenzierter betrachten, sind indes rar. Dies veranlasst, geschlechtsspezifische Unterschiede im Engagement unter Berücksichtigung des räumlichen Kontextes näher zu untersuchen
Tätigkeiten im Engagement: Empowerment vs. Rollenstereotype
Lange Zeit galt, dass sich Frauen in Deutschland seltener freiwillig engagieren als Männer – inzwischen hat sich der Anteil engagierter Frauen in den letzten Jahren jenem engagierter Männer angenähert. Als Ursachen hierfür werden unter anderem eine zunehmende Gleichstellung der Geschlechter, die Bildungsexpansion und die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen angeführt7Simonson, Julia; Kelle, Nadiya; Kausmann, Corinna; Tesch-Römer, Clemens (Hrsg.) (2022): Freiwilliges Engagement in Deutschland: der Deutsche Freiwilligensurvey 2019. Empirische Studien zum bürgerschaftlichen Engagement. Wiesbaden, https://d oi.org/10.1007/978-3-658-35317-9. Gleichzeitig zeigen Studien zu Geschlechterunterschieden im zivilgesellschaftlichen Engagement, dass Ungleichheiten weiterhin fortbestehen: Freiwillig übernommene Aufgaben sind nach wie vor häufig geschlechterstereotyp verteilt.
So engagieren sich Frauen – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen westeuropäischen Ländern – bis heute häufiger in sozialen und gesundheitlichen Bereichen, im Bildungswesen sowie in kirchlich-religiösen Zusammenhängen8Boje, Thomas P.; Hermansen, Jonathan; Møberg, Rasmus Juul (2019): Gender and Vol unteering in Scandinavia. In: Henriksen, Lars Skov; Strømsnes, Kristin; Svedberg, Lars (Hrsg.): Civic Engagement in Scandinavia. Volunteering, Informal Help and Giving in Denmark, Norway and Sweden. Cham, S. 153–174. Männer sind hingegen in den Bereichen Freizeit und Sport, Politik und berufliche Interessensvertretung deutlich überrepräsentiert9Meyer, Michael; Rameder, Paul (2022): Who Is in Charge? Social Inequality in Differ ent Fields of Volunteering. In: Voluntas, 33. Jg., Heft 1, S. 18–32, https://doi.org/10.100 7/s11266-020-00313-7 Kleiner, Tuuli-Marja; Kühn, Marie (2023): Engagement im Spiegel sozialer und räum licher Ungleichheit. Empirische Analyseergebnisse auf Basis des Deutschen Freiwil ligensurveys (2019) und des Sozio-oekonomischen Panels (2001–2019). Thünen Re port 111. Braunschweig. Zudem engagieren sich Frauen stärker informell, außerhalb von Vereinen und Verbänden, während Männer sich häufiger in formellen Organisationen einbringen10Meyer, Michael; Rameder, Paul (2022): Who Is in Charge? Social Inequality in Differ ent Fields of Volunteering. In: Voluntas, 33. Jg., Heft 1, S. 18–32, https://doi.org/10.100 7/s11266-020-00313-7 Kleiner, Tuuli-Marja; Kühn, Marie (2023): Engagement im Spiegel sozialer und räum licher Ungleichheit. Empirische Analyseergebnisse auf Basis des Deutschen Freiwil ligensurveys (2019) und des Sozio-oekonomischen Panels (2001–2019). Thünen Re port 111. Braunschweig Healy, Karen; Haynes, Michele; Hampshire, Anne (2007): Gender, social capital and location: understanding the interactions. In: International Journal of Social Welfare, 16. Jg., Heft 2, S. 110–118, https://doi.org/10.1111/j.1468-2397.2006.00471.x. Geschlechterstereotypes Engagement ist damit weiterhin weit verbreitet, auch wenn sich Männer zunehmend auch im sozialen und kirchlichen Bereich engagieren und Frauen im Rahmen eines formellen Engagements freiwillig aktiv sind11Kausmann, Corinna; Hagen, Christine (2022): Gesellschaftliche Bereiche des freiwil ligen Engagements. In: Simonson, Julia; Kelle, Nadiya; Kausmann, Corinna; Tesch- Römer, Clemens (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Der Deutsche Freiwilligensurvey 2019. Wiesbaden, S. 95–124. In ländlichen Räumen sind diese Geschlechterunterschiede besonders ausgeprägt12Kleiner, Tuuli-Marja; Burkhardt, Luise (2021): Ehrenamtliches Engagement: Soziale Gruppen insbesondere in sehr ländlichen Räumen unterschiedlich stark beteiligt. In: DIW Wochenbericht, 88. Jg., Heft 35, S. 571–579, https://doi.org/10.18723/diw_wb:20 21-35-1, auch wenn einzelne Fallstudien auf einen Wandel hindeuten13Oncescu, Jacquelyn; Giles, Audrey (2013): A rural school’s closure: Impacts on volun teers’ gender roles. In: Rural Society, 23. Jg., Heft 1, S. 2–19, https://doi.org/10.5172/rsj .2013.23.1.2.
Engagement kann einerseits als Instrument zur Stärkung und Selbstermächtigung von Frauen gelten, weil es Gelegenheiten bietet, eigene Ideen vor Ort zu verwirklichen und öffentliche Anerkennung zu erwerben – und damit tradierte Geschlechterrollen zu überwinden. Andererseits findet ehrenamtlich geleistete Arbeit weder Niederschlag in einem angemessenen Einkommen noch in entsprechenden Rentenansprüchen und schreibt bei einem männlichen Haupt- oder Alleinverdienermodell Geschlechterungleichheiten fort14Haubner, Tine (2020): Die neue „heimliche Ressource der Sozialpolitik“? Soziales En gagement als geschlechterpolitisch ambivalenter Möglichkeitsraum im Community Kapitalismus. In: ÖZS, 45. Jg., Heft 4, S. 447–463, https://doi.org/10.1007/s11614-020 -00424-x. Engagement ist für Frauen damit ein ambivalentes Phänomen, das auch zur Reproduktion von Geschlechterungleichheiten beitragen kann. Neben materieller Ungleichheit sind dabei vor allem der geringere Einfluss und die eingeschränkte Gestaltungsmacht von Frauen relevant, da Frauen seltener in formalen Organisationen engagiert sind und noch seltener leitende Positionen bekleiden.
Das zeigt sich etwa daran, dass Frauen seltener aktiv in beruflichen Organisationen sind, was ihre Chancen verringert, berufliche Netzwerke zu etablieren und ihre Karriere voranzutreiben15Fyall, Rachel; Gazley, Beth (2015): Applying Social Role Theory to Gender and Volun teering in Professional Associations. In: Voluntas, 26. Jg., Heft 1, S. 288–314, https://d oi.org/10.1007/s11266-013-9430-1. Ebenso sind Frauen im politischen Bereich unterrepräsentiert – ihre Interessen und Themen finden dadurch weniger Gehör16Bode, Leticia (2016): Closing the gap: gender parity in political engagement on social media. In: Information, Communication & Society, 20. Jg., Heft 4, S. 587–603, https:/ /doi.org/10.1080/1369118X.2016.1202302. Laut einer EAF-Studie wird in Deutschland nicht einmal jedes zehnte Rathaus von einer Frau regiert17Mahler Walther, Kathrin; Lukoschat, Helga (2020): Bürgermeisterinnen und Bürger meister in Deutschland 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Ergebnisse einer repräsentativen Befragung. Berlin., und internationale Studien zeigen, dass Frauen besonders in ländlichen Räumen im politischen Bereich unterrepräsentiert sind18Obinger, Sophie; Bonk, Christiane (2022): Frauen Macht Brandenburg. Daten – Fak ten – Handlungsempfehlungen zur politischen Teilhabe von Frauen in Brandenburg. Potsdam Bock, Bettina B. (2015): Gender mainstreaming and rural development policy; the trivialisation of rural gender issues. In: Gender, Place & Culture, 22. Jg., Heft 5, S. 731–745, https://doi.org/10.1080/0966369X.2013.879105 Hameister, Nicole; Tesch-Römer, Clemens (2017): Landkreise und kreisfreie Städte: Regionale Unterschiede im freiwilligen Engagement. In: Simonson, Julia; Vogel, Claudia; Tesch-Römer, Clemens (Hrsg.): Freiwilliges Engagement in Deutschland. Wiesbaden, S. 549–600.
Insgesamt bleibt festzuhalten: Trotz Anzeichen eines sozialen Wandels bestehen zahlreiche Ungleichheiten weiter, insbesondere in ländlichen Räumen. Als Gründe für ein geringeres weibliches Engagement werden dort unter anderem eine dominante männliche (politische) Kultur, stärker konservative Geschlechterrollen 19Bock, Bettina B.; Derkzen, Petra (2008): Barriers to women’s participation in rural policy making. In: Bock, Bettina B.; Morell, Ildikó Asztalos (Hrsg.): Gender regimes, citizen participation and rural restructuring. Amsterdam, S. 263–281.und eine geschlechtsspezifische Aufgabenteilung in Partnerschaften genannt, wodurch Frauen mehr Zeit für Haus- und Sorgearbeiten aufwenden und weniger Spielraum für zusätzliches Engagement haben. Ein Mangel an wohnortnaher Grundversorgung kann die Vereinbarkeit von Kinderbetreuung, Pflege von Angehörigen, Erwerbstätigkeit und Engagement weiter einschränken20Neu, Claudia; Nikolic, Ljubica (2013): TATSÄCHLICH FRAUENPOWER? Das Rol lenverständnis und die Erwartungen von Frauen im ländlichen Raum. In: Franke, Silke; Schmid, Susanne (Hrsg.): Frauen im ländlichen Raum, Bd. 88. München, S. 49–61. Besonders problematisch ist ein Mangel an engagierten Frauen in Regionen mit alternder Bevölkerung und hohen Abwanderungsraten.21Davies, Amanda; Lockstone-Binney, Leonie; Holmes, Kirsten (2018): Who are the future volunteers in rural places? Understanding the demographic and background characteristics of non-retired rural volunteers, why they volunteer and their future migration intentions. In: Journal of Rural Studies, 60. Jg., S. 167–175, https://doi.org/1 0.1016/j.jrurstud.2018.04.003
Diese Befunde werfen Fragen auf, zu denen bislang empirische Forschung fehlt – denn viele Studien betrachten die nationale Ebene oder arbeiten ländervergleichend, kleinräumigere Untersuchungen sind rar22Scarborough, William J.; Sin, Ray (2020): Gendered Places: The Dimensions of Local Gender Norms across the United States. In: Gender & Society, 34. Jg., Heft 5, S. 705– 735, https://doi.org/10.1177/0891243220948220 Clifford, David (2024): Gender inequalities in unpaid public work: Retention, stratifi cation and segmentation in the volunteer leadership of charities in England and Wales. In: The British journal of sociology, 75. Jg., Heft 2, S. 143–167, https://doi.org/1 0.1111/1468-4446.13070. Um besser zu verstehen, ob Engagement mit weiblichem Empowerment verbunden ist oder eher Geschlechterstereotype reproduziert, braucht es detaillierte Analysen der tatsächlichen Tätigkeiten im Engagement. Dabei geht es auch um die Frage, ob Geschlechterdifferenzen bestehen bleiben, wonach männliche Tätigkeitsprofile vorwiegend als „organisierend, repräsentierend, führend“ und weibliche als „helfend, betreuend, beratend“23Gensicke, Thomas; Picot, Sibylle; Geiss, Sabine (2005): Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999–2004. München beschrieben werden – und welche Ursachen und Folgen das für Statusunterschiede, Sichtbarkeit und Einflussmöglichkeiten hat. Genau hier setzt die Analyse an, indem das Engagement von Männern und Frauen in verschiedenen Raumtypen untersucht wird, mit zwei Leitfragen: (1) Wie hat sich das Engagement von Männern und Frauen in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt? (2) Inwieweit unterscheiden sich Männer und Frauen hinsichtlich der faktischen Tätigkeiten, die sie bei ihrer Freiwilligenarbeit ausüben?
Geschlechtsspezifisches Engagement in verschiedenen Raumtypen: Daten und Trends
Zur Untersuchung geschlechtsspezifischer Engagementmuster werden repräsentative Umfragedaten des Deutschen Freiwilligensurveys (FWS 2019)24Hameister, Nicole; Kausmann, Corinna; Müller, Doreen (2019): Deutscher Freiwilli gensurvey 2014. Kurzbeschreibung des Scientific Use Files: SUF FWS 2014, Version 1.3. Berlin. und des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP, 2001–2019)25SOEP (2021): Sozio-oekonomisches Panel, Daten der Jahre 1984–2019 (SOEP-Core, v36, EU Edition), https://doi.org/10.5684/soep.core.v36eu. analysiert. Dabei wird die Raumtypologie des Thünen-Instituts in vereinfachter Form genutzt und zwischen sehr ländlichen, eher ländlichen und nicht ländlichen Räumen unterschieden. Das SOEP ermöglicht als Panelstudie sowohl die Darstellung personenbezogener Veränderungen als auch jene gesellschaftlicher Trends. Erfasst wird das klassische Ehrenamt mit institutioneller Anbindung, in dem Befragte zweijährlich angeben, ob sie sich in Vereinen, Verbänden oder sozialen Diensten engagieren26SOEP (2021): Sozio-oekonomisches Panel, Daten der Jahre 1984–2019 (SOEP-Core, v36, EU Edition), https://doi.org/10.5684/soep.core.v36eu..
In allen Raumtypen engagieren sich Männer stärker als Frauen, doch die Unterschiede variieren mit dem Grad der Ländlichkeit. In nicht ländlichen Räumen ist die Differenz meist nicht signifikant. In eher ländlichen Räumen nähern sich die Anteile im Zeitverlauf an, da das Engagement der Frauen zunimmt, während das der Männer auf gleichbleibendem Niveau bleibt. In sehr ländlichen Räumen bleibt der Unterschied dagegen weiterhin statistisch signifikant: Im Jahr 2019 engagieren sich hier durchschnittlich 38,3 % der Männer und 29,9 % der Frauen. Insgesamt deutet dies darauf hin, dass die ländliche Prägung des räumlichen Kontextes den Zugang und die Ausübung von Engagement geschlechtsspezifisch beeinflusst.

Führung bleibt Männersache – besonders in sehr ländlichen Räumen
Da das SOEP das informelle Engagement weitgehend ausklammert und Frauen sich häufiger informell engagieren, wird zusätzlich der Freiwilligensurvey (FWS) 2014 einbezogen27Hameister, Nicole; Kausmann, Corinna; Müller, Doreen (2019): Deutscher Freiwilli gensurvey 2014. Kurzbeschreibung des Scientific Use Files: SUF FWS 2014, Version 1.3. Berlin. Dieser bildet Engagement auch jenseits traditioneller, organisationsgebundener Beteiligungsformen ab und erlaubt Aussagen über das Tätigkeitsprofil im Engagement. Damit gibt er über das bloße Maß der Beteiligung hinaus genauer Auskunft darüber, inwieweit Frauen am zivilgesellschaftlichen Engagement gleichberechtigt teilhaben.
- Hilfs- und Unterstützungstätigkeiten: einfache Tätigkeiten, die keine spezifischen Qualifikationen erfordern, öffentlich kaum wahrgenommen werden und daher mit einem eher niedrigen Prestige einhergehen, z. B. Verkauf von Kuchen und Getränken bei Festen oder Hilfe beim Auf- und Abbau.
- Organisatorische und administrative Tätigkeiten: Aufgaben im Zusammenhang mit Veranstaltungen, Projekten, Verwaltungsaufgaben und Öffentlichkeitsarbeit. Sie gehen oft mit einer gewissen Sichtbarkeit nach innen und außen einher und verleihen mehr Prestige als Hilfstätigkeiten, da sie bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten voraussetzen und eine längerfristige Verantwortungsübernahme erfordern, z. B. Schatzmeister:in, Webadministrator:in oder Pressesprecher:in.
- Leitungs- und Repräsentativaufgaben: Tätigkeiten mit einem hohen Grad an Sichtbarkeit und Verantwortung, die am meisten Prestige verleihen, wie z. B. Vorsitzende:r, Ehrenvorsitzende:r, Beisitzer:in oder Präsident:in.
In Bezug auf organisatorische Tätigkeiten zeigt sich, dass nur in nicht ländlichen Räumen Männer mit 11,1 % signifikant häufiger aktiv sind als Frauen (8,8 %). In eher ländlichen oder sehr ländlichen Räumen finden sich hingegen keine signifikanten geschlechtsspezifischen Unterschiede: Männer und Frauen übernehmen in ihrer Freizeit gleichermaßen organisatorische und administrative Aufgaben. Folglich ergeben sich für diese Tätigkeitsform insgesamt nur wenig bemerkenswerte geschlechtsspezifische Unterschiede.
Ein anderes Bild zeigt sich bei der Verteilung der Leitungstätigkeiten und damit der Führungspositionen. In allen drei Raumtypen übernehmen Männer signifikant häufiger Leitungsfunktionen als Frauen, wobei der Geschlechterunterschied in sehr ländlichen Räumen am größten ist. In nicht ländlichen Räumen liegt das Verhältnis bei knapp 2:1 (4,6 % Männer vs. 2,4 % Frauen), in eher ländlichen Regionen zeigt sich ein ähnliches Muster (5,6 % vs. 3,1 %). In sehr ländlichen Räumen ist der Unterschied mit 6,8 % (Männer) gegenüber 2,9 % (Frauen) jedoch noch ausgeprägter. Damit bleibt der Zugang zu Führungspositionen für Frauen in allen Raumtypen begrenzt – in sehr ländlichen Räumen sind Männer mehr als doppelt so häufig in Leitungsfunktionen freiwillig tätig.
Schlussfolgerungen
Die Studie zeigt deutlich, dass sich die geschlechtsspezifische Beteiligung am zivilgesellschaftlichen Engagement in den letzten zwei Jahrzehnten verändert hat – insbesondere in ländlichen Räumen. Zwar hat sich der Anteil engagierter Frauen erhöht, strukturelle Ungleichheiten bestehen jedoch weiterhin, vor allem im Hinblick auf Leitungsfunktionen, die nach wie vor überwiegend von Männern wahrgenommen werden. Die Untersuchung macht zudem deutlich, dass Engagement zur Reproduktion von Geschlechterungleichheiten beitragen kann: Engagementformen, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, gehen häufig mit vergleichsweise wenig Prestige einher. Der geringe Anteil von Frauen in leitenden Tätigkeiten zeigt damit auch, dass Geschlechterunterschiede Statusunterschiede widerspiegeln.
Besonders in sehr ländlichen Räumen wird sichtbar, dass sich Frauen zwar zunehmend engagieren, ihr Engagement aber weiterhin weniger sichtbar ist als jenes der Männer und sie ihre Interessen im Vergleich seltener durchsetzen können. Diese unterschiedlichen Möglichkeiten zur Teilhabe lassen sich nicht allein durch individuelle Präferenzen erklären, sondern hängen mit geschlechtsspezifischen Rollenzuweisungen und infrastrukturellen Gegebenheiten zusammen. Häufig fehlt es in ländlichen Räumen an unterstützenden Strukturen wie Kinderbetreuung oder Pflegeeinrichtungen, wodurch zeitliche Ressourcen für Engagement besonders für Frauen eingeschränkt werden31Neu, Claudia; Nikolic, Ljubica (2013): TATSÄCHLICH FRAUENPOWER? Das Rol lenverständnis und die Erwartungen von Frauen im ländlichen Raum. In: Franke, Silke; Schmid, Susanne (Hrsg.): Frauen im ländlichen Raum, Bd. 88. München, S. 49–61 Davies, Amanda; Lockstone-Binney, Leonie; Holmes, Kirsten (2018): Who are the future volunteers in rural places? Understanding the demographic and background characteristics of non-retired rural volunteers, why they volunteer and their future migration intentions. In: Journal of Rural Studies, 60. Jg., S. 167–175, https://doi.org/1 0.1016/j.jrurstud.2018.04.003, die im Rahmen einer traditionellen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung stärker in Sorgetätigkeiten eingebunden sind als Männer.
Auch eine unzureichende Ausstattung mit Einrichtungen der Daseinsvorsorge – etwa Einkaufsläden oder Apotheken – erschwert Engagement in ländlichen Räumen gleich doppelt: Sie kann ein Grund dafür sein, dass engagierte Menschen fortziehen und ihr Engagement aufgeben, und sie reduziert durch lange Fahrzeiten zusätzlich die verfügbaren zeitlichen Ressourcen. Um bestehende Ungleichheit zu überwinden, braucht es daher gezielte Maßnahmen, die Frauen den Zugang zu sichtbaren und einflussreichen Rollen erleichtern und strukturelle Hindernisse abbauen – etwa durch die Förderung weiblicher Führungskräfte in Vereinen und Verbänden sowie einen verstärkten Ausbau von Unterstützungsinfrastrukturen in ländlichen Regionen.
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