Petra Bentkämper spricht auf einer Bühne in ein Mikrofon.
Bild: BMEL

Warum Frauen auf dem Land politisch seltener vertreten sind – und was es braucht, um das zu ändern

Im Interview spricht Petra Bentkämper, Präsidentin des Deutscher LandFrauenverband (dlv), über strukturelle Hürden, die besondere Rolle zivilgesellschaftlichen Engagements und konkrete Hebel für mehr Beteiligung von Frauen vor Ort. Der Artikel ist im Rahmen des Projekts Frauen.Vielfalt.Politik. entstanden, das der dlv gemeinsam mit der EAF Berlin durchführt.

Strukturelle Hürden

Je kleiner die Kommune und je ländlicher die Region, desto geringer ist der Frauenanteil in kommunalpolitischen Gremien. Das hat nichts mit mangelndem Interesse zu tun – sondern mit strukturellen Hürden, die in ländlichen Räumen besonders ausgeprägt sind. Schlechtere Infrastrukturangebote, traditionelle Rollenbilder, weniger Netzwerke und eine geringere Sichtbarkeit erschweren Frauen den Zugang zur Kommunalpolitik.

Hinzu kommt ein Faktor, der oft unterschätzt wird: das Gefühl des „Ausgeliefertseins“ in überschaubaren sozialen Räumen. Wenn „jeder jeden kennt“, wenn private Details aus dem eigenen Leben, dem der Kinder oder der Familie bekannt sind, schreckt das viele Frauen davor ab, ein exponiertes öffentliches Amt zu übernehmen. Politische Arbeit ist in ländlichen Räumen stärker mit dem Alltag verwoben.

Shot of a confident young woman working at a dairy farm

Zivilgesellschaft: Lernort für Demokratie – mit unsichtbaren Grenzen

Zivilgesellschaftliche Organisationen sind zentrale Lernorte für demokratische Aushandlungsprozesse, für kollektives Handeln und für das Eintreten für gemeinsame Werte. Für viele Frauen bildet dieses Engagement den ersten Berührungspunkt mit Politik.

Gleichzeitig zeigen sich hier bereits strukturelle Ungleichheiten: Frauen engagieren sich aufgrund der stärkeren Übernahme unbezahlter Sorgearbeit oft in geringerem zeitlichem Umfang, in weniger sichtbaren Rollen und häufiger projektbezogen. Der Kurzbericht des 6. Deutschen Freiwilligensurveys macht das deutlich: Während 31 Prozent der Männer im Ehrenamt Leitungs- oder Vorstandsfunktionen übernehmen, sind es bei Frauen nur 21 Prozent. Diese unsichtbaren Grenzen wirken weiter – denn wenn zivilgesellschaftliches Engagement häufig der Ausgangspunkt für kommunalpolitisches Engagement ist, dann entscheidet sich hier bereits, wer sichtbar wird und wer nicht. Umso wichtiger ist es, Frauen gezielt in ehrenamtlichen Leitungspositionen zu stärken und Brücken in die Kommunalpolitik zu bauen.

Brücken in die Politik: geschützte Räume, Vorbilder und gezielte Ansprache

Solche Brückenangebote können sehr konkret aussehen. Eine zentrale Rolle spielen dabei die LandFrauen-Verbände. Sie bieten ihren Mitgliedern zahlreiche Angebote zur Qualifizierung und Persönlichkeits-entwicklung und können damit auch als eine Art „Kaderschmiede“ für politisches Engagement wirken.

Besonders wichtig sind dabei geschützte Räume, in denen Frauen sich ausprobieren können – ohne sofortige öffentliche Bewertung. Auch die regelmäßig stattfindenden zentralen Veranstaltungen der LandFrauen, wie etwa die Kreislandfrauentage, sind bedeutsam: Sie geben politisch aktiven Frauen eine Bühne und machen sie in ihrer Funktion sichtbar. Denn immer wieder zeigt sich: Vorbilder wirken.

Ergänzend braucht es Maßnahmen wie das gezielte Zugehen auf Frauen, den Aufbau von Frauennetzwerken oder Mentoring-Programme vor Ort, die Frauen individuell begleiten und bestärken.

rear view: female farmer stands in agricultural field with sugar beets

Rahmenbedingungen verändern: Kommunalpolitik alltagstauglich machen

Neben Qualifizierung und Ansprache sind auch strukturelle Veränderungen entscheidend, um Kommunalpolitik für Frauen attraktiver zu machen. Ein zentraler Punkt ist die Gestaltung der politischen Arbeit selbst.

Begrenzte Redezeiten in Gremien können beispielsweise viel bewirken – denn nichts ist abschreckender als nicht enden wollende Sitzungen mit überlangen und sich wiederholenden Redebeiträgen. Digitale Teilnahmemöglichkeiten, gemeinsame Verhaltenskodizes, Betreuungsangebote oder die Kostenübernahme für Kinderbetreuung und Pflegevertretung sowie angemessene Aufwandsentschädigungen sind weitere wichtige Stellschrauben. Sie signalisieren: Politisches Engagement soll mit dem Alltag vereinbar sein.

Bild: Heidi Scherm

Der Beitrag des dlv: parteiübergreifend, vielfältig und streitbar

Der Deutsche LandFrauenverband als größter Verband für Frauen aus ländlichen Räumen hat sich dafür eingesetzt, dass das Projekt Frauen.Vielfalt.Politik. gemeinsam mit der EAF Berlin durchgeführt werden kann und bringt dabei insbesondere den Blick auf die ländlichen Räume und ihre besonderen Herausforderungen ein.

Der Verband ist parteipolitisch nicht gebunden, führt Gespräche mit allen demokratischen Parteien und ist durch eine große Vielfalt in seiner Mitgliedschaft geprägt. Auch innerhalb der LandFrauen-Verbände findet ein Austausch jenseits von Parteigrenzen statt.

Ein zentrales Anliegen des dlv ist es zudem, das Thema „Streiten“ positiv zu besetzen: Er will zeigen, dass es wichtig ist, sich auch bei inhaltlichen Differenzen respektvoll auseinanderzusetzen. Eine Kompetenz, die gerade für Frauen in der Kommunalpolitik von großer Bedeutung ist.

Warum Politik auf dem Land Frauen braucht – und umgekehrt

Frauen bringen eine spezifische Perspektive auf die Herausforderungen ländlicher Räume mit. Sie sind die „Expertinnen vor Ort“ und sollten ihre Erfahrungen und ihr Wissen unbedingt in die kommunalen Räte einbringen.

Darüber hinaus ist politisches Engagement auch eine Frage demokratischer Verantwortung. Jede und jeder Einzelne ist gefragt, sich für Demokratie und Freiheit einzusetzen. Veränderungen entstehen nicht von selbst – sie lassen sich nur durch den eigenen Einsatz gemeinsam mit anderen erreichen.

Gerade in ländlichen Räumen gilt deshalb: Wenn Frauen sich einmischen, verändert sich Politik. Und wenn Politik sich verändert, wird sie auch für Frauen zugänglicher.

Der Deutsche LandFrauenverband (dlv) vertritt die Interessen von Frauen in ländlichen Räumen und setzt sich für gleichwertige Lebensverhältnisse, gesellschaftliche Teilhabe und demokratisches Engagement ein. Mit seiner parteipolitisch unabhängigen Arbeit, der großen Vielfalt seiner Mitgliedschaft und starken regionalen Verankerung ist der dlv ein zentraler Akteur für die Stärkung von Frauen auf dem Land.

Gemeinsam mit der EAF Berlin führt der dlv das Projekt Frauen.Vielfalt.Politik. durch. Ziel ist es, Frauen für kommunalpolitisches Engagement zu gewinnen und strukturelle Rahmenbedingungen für mehr Vielfalt in der Kommunalpolitik zu verbessern – insbesondere in ländlichen Räumen.

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Ein Projekt der EAF Berlin in Kooperation mit dem Deutschen LandFrauenverband