Das unsichtbare Drittel – und wie wir es erreichen können
Auf dieser Grundlage hat die Organisation sechs gesellschaftliche Typen identifiziert: die Involvierten und Etablierten als Stabilisatoren, die Offenen und die Wütenden als Pole – sowie die Pragmatischen und Enttäuschten, das sogenannte unsichtbare Drittel. Diese Gruppen fühlen sich im politischen System häufig nicht vertreten und erleben stärker als andere ein Ohnmachtsgefühl gegenüber der Politik, der Gesellschaft und auch ihrem eigenen Leben. Sie haben das Gefühl, gesehen zu werden oder Einfluss nehmen zu können. Doch genau diese Faktoren sind unter anderem entscheidend für eine gelungene Beteiligung.
Zwar halten die meisten Menschen Beteiligung für wichtig – jene die unzufrieden sind, sogar für besonders wichtig. Gleichzeitig sind sie jedoch seltener bereit, sich aktiv einzubringen. Das führt dazu, dass vor allem bereits zufriedene und engagierte Menschen an Beteiligungsformaten teilnehmen, während andere weiterhin außen vor bleiben. Denn: Menschen schauen aus sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen auf Beteiligungsangebote. Es ist wichtig, damit in der Gestaltung von Beteiligungsformaten umzugehen.
Wie lassen sich Menschen erreichen, die üblicherweise nicht an Beteiligungsprozessen teilnehmen?
Im Fachforum “Alle an den Tisch! Warum Kommunen mehr Beteiligung wagen sollten und wie sie konkret funktionieren kann” am 16.04. im Rahmen des Projekts Frauen.Vielfalt.Politik. zeigten Expert*innen aus der Forschung und Praxis, wie Beteiligung aussehen sollte, damit alle teilnehmen können.
Wie man erfolgreich diejenigen erreicht, die skeptischer auf unser Gemeinwesen blicken, zeigt ein Praxisbeispiel aus Singen: im Projekt RedeZeit, initiiert von der Tafel Singen und gemeinsam mit Akteur*innen der Stadtverwaltung, der Caritas und der AWO umgesetzt, machte der “Montagsbus” regelmäßig Halt auf einem Supermarkt-Parkplatz in der Südstadt, einem strukturschwachen Stadtteil. Vor Ort waren Martina Kaiser und Reinhard Zedler mit Mitarbeitenden der Tafel und der AWO – vertraute Gesichter für viele Einwohner*innen. In ihrem Bus brachten sie Kaffee, Kekse, ein Demokratierad und Zeit für Gespräche mit. Ziel war es, armutsbetroffenen Menschen Raum für Austausch zu bieten und sie dabei zu unterstützen, ihre Anliegen zu formulieren und in politische Prozesse einzubringen.
Der lockere und niedrigschwellige Ansatz zeigte Wirkung:
Die Forschung von More in Common zeigt, wie wichtig solche Ansätze sind: um das unsichtbare Drittel zu erreichen, muss vor allem ihr Vertrauen in das Gemeinwesen gestärkt werden. Zum Beispiel, indem Beteiligungsformate an Orten stattfinden, an denen sich die unterschiedlichsten Menschen bereits aufhalten – etwa auf einem Supermarktparkplatz. Und durch die Einbindung von Akteuren, denen viele Menschen vertrauten oder die als Vorbilder dienen: Menschen aus der Community der Zielgruppe oder aus lokal verankerten Initiativen vor Ort – die Kooperation der Stadtverwaltung und der Tafel Singen ist dafür ein schönes Beispiel.
Auch das Theaterprojekt SpielZeit aus Singen ermöglichte neue Formen der Teilhabe und Sichtbarkeit für die Lebenssituation und Meinungen von Menschen mit Armutserfahrung in Singen. Mit improvisiertem Text und engagierten Schauspieler*innen kamen Themen auf die Bühne, die es oft nicht auf eine politische Agenda schaffen – und die Schauspieler*innen konnten Selbstwirksamkeit erfahren und über sich hinauswachsen.
Um Beteiligung für alle möglich zu machen, spielen darüber hinaus aufsuchende Beteiligungsformate eine wichtige Rolle – und die Bereitschaft, allen interessierten Personen ein Beteiligungsangebot zu machen, das ihren Bedarfen angepasst ist. So fühlen sich alle willkommen und spüren, dass auch ihre Meinung wichtig ist.
Die Initiative Demokratie Innovation e.V. hat das in der Stadt Brandis umgesetzt:
Dort wurde ein Bürger*innenrat per Losverfahren zur Aktualisierung des städtischen Leitbilds durchgeführt. Da sich in herkömmlichen Losverfahren aber nur fünf bis zehn Prozent der ausgelosten Einwohner*innen zurückmelden, wurde ein besonderer Ansatz gewählt: das Aufsuchende Losverfahren. Das bedeutet, dass diejenigen, die sich auf die Einladung nicht zurückgemeldet haben, nochmal persönlich an der Haustür eingeladen wurden.
Mit Erfolg: der Bürger*innenrat versammelte eine diverse Gruppe aus Einwohner*innen der Stadt Brandis. Besonders spannend waren dabei die Perspektiven der aufgesuchten Teilnehmenden, da diese in bisherigen Diskussionen so noch nicht gehört wurden. So betonten im Nachgang alle Teilnehmenden, dass sie die Atmosphäre der Veranstaltung als besonders konstruktiv und wertschätzend wahrgenommen haben.
Welche Früchte Beteiligungsformate tragen, die an die Bedarfe der Zielgruppe angepasst sind, zeigt ein weiteres Beispiel aus Brandis. Ein Jugendrat, ebenfalls per Losverfahren ausgewählt, beschäftigte sich mit der Frage: Wie muss Beteiligung gestaltet sein, damit ihr Lust habt, daran teilzunehmen? Die Antwort war: die Jugendlichen brauchen einen Jugendbeirat.
Heute engagieren sich sechs Mädchen in dem Beirat. Sie sind politisch gut vernetzt und beteiligen sich umfangreich: der Jugendbeirat ist bei Stadtratssitzungen dabei, organisiert Projekte wie etwa ein Weihnachtskino gemeinsam mit dem Kulturverein, plant Netzwerktreffen und nimmt an internationalen Austauschformaten teil. Auf ihrer eigenen LitFAIRsäule informieren sie über wichtige aktuelle Themen wie Feminismus.
Die Forschung und Praxisbeispiele zeigen: Beteiligung gelingt dann, wenn Formate zielgruppengerecht gestaltet sind.
- Wenn Beteiligung im Lebensalltag stattfindet, an vertrauten Orten und mit bekannten Ansprechpersonen, wird das Vertrauen gestärkt.
- Beteiligungsangebote sollten offen, unkompliziert und kostenfrei sein, damit möglichst viele Menschen ohne großen Aufwand teilnehmen können.
- Damit sich alle angesprochen fühlen, sollte in der Werbung deutlich werden, dass es um alltagsnahe Themen geht, die viele Menschen direkt betreffen.
- Um Menschen zu erreichen, die üblicherweise nicht an Beteiligungsprozessen teilnehmen, braucht es einen Wechsel von passiven Einladungen hin zu aktiver, aufsuchender Ansprache.
- Beteiligung wirkt dann nachhaltig, wenn Menschen sehen, dass ihre Beiträge etwas bewirken. Sichtbare Ergebnisse und echte Mitgestaltungsmöglichkeiten stärken Motivation und Selbstwirksamkeit.
Die Referent*innen und ihre Projekte
Lisa Höhn ist als Associate Partnerschaften bei der internationalen gemeinnützigen Forschungsorganisation More in Common tätig. Sie begleitet und berät Partner*innen aus Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Verwaltung bei der Anwendung der Gesellschaftsforschung von More in Common in der Praxis.
Die Projekte “RedeZeit” und “SpielZeit” in der Stadt Singen wurden vorgestellt von Udo Engelhardt, 1. Vorstand der Tafel im Landkreis Singen, sowie von Martina Kaiser, zuständig für die soziale Begleitung der Projekte und Dina Roos, die für die künstlerische Leitung des Projekts “SpielZeit” zuständig war.
Die Beteiligungsformate in Brandis wurden vorgestellt von Carl Deichert von der Initiative Demokratie Innovation e.V. Zudem gaben zwei Jugendliche vom Jugendbeirat Brandis Einblicke in ihr Engagement.
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