Vielfalt losen: Bürger*innenräte inklusiv gestalten
Nach der Corona-Pandemie im Jahr 2022 standen beide Kommunen vor der Aufgabe, ihre Leitbilder an veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen anzupassen. Ziel war es, diese möglichst nah an den Bedürfnissen und Interessen der Bürger*innen auszurichten. Statt die Leitbilder allein im Rathaus zu überarbeiten, initiierten die Bürgermeister daher Bürger*innenräte, die sich mit der Überarbeitung und Weiterentwicklung der Leitbilder befassen sollten.
Doch wie lässt sich sicherstellen, dass ein Bürger*innenrat die gesellschaftliche Vielfalt tatsächlich abbildet – und auch Menschen einbezieht, die sonst kaum an politischen Beteiligungsprozessen teilnehmen?
Hier setzt die Initiative Demokratie Innovation e.V. an: Zunächst werden Personen per Los aus dem Melderegister ausgewählt und per Brief zur Teilnahme am Bürgerrat eingeladen. Da bei klassischen Losverfahren die Rücklaufquote meist bei fünf bis zehn Prozent liegt, wurde das Verfahren weiterentwickelt: Beim sogenannten Aufsuchenden Losverfahren werden diejenigen, die nicht reagieren, persönlich an ihrer Haustür angesprochen. In vielen Fällen gelingt es so, sie in einem direkten Gespräch zur Teilnahme zu motivieren.
Der Ansatz ist erfolgreich: In beiden Kommunen kamen vielfältig zusammengesetzte Bürger*innenräte zustande. In Tengen nahmen 34 Personen im Alter von 14 bis 74 Jahren aus allen Teilorten teil, in Brandis waren es 23 Personen zwischen 14 und 84 Jahren. Die diskutierten Themen reichten von der Digitalisierung über altersgerechtes Wohnen und den Ausbau von Freizeitangeboten bis hin zum Wunsch nach mehr Beteiligungsmöglichkeiten.
Besonders wertvoll waren die Perspektiven der aufgesuchten Teilnehmenden, da diese zuvor in öffentlichen Diskussionen kaum vertreten waren. Im Nachgang beschrieben alle Beteiligten die Atmosphäre als konstruktiv und wertschätzend. Auch eine externe Evaluation bestätigt den Erfolg des Formats: Losbasierte Beteiligungsverfahren sind inklusiver und vielfältiger als offene Formate und stärken durch das Erleben von Selbstwirksamkeit die Motivation zum Engagement. Die Erfahrungen aus Brandis und Tengen zeigen zudem, dass dieses Verfahren sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland erfolgreich angewendet werden kann.
Aufbauend auf den positiven Erfahrungen wurde das aufsuchende Losverfahren in Brandis gezielt auf Jugendliche übertragen. Über Schulen wurden ab der 7. Klasse jeweils zwei Schüler*innen pro Klasse ausgelost, die gemeinsam einen vielfältig besetzten Jugendrat bildeten. Dort entwickelten sie in einem mehrstufigen Prozess Themen und Formate für zukünftige Jugendbeteiligung. Mit insgesamt 60 teilnehmenden Jugendlichen entstand so das Konzept des Jugendbeirats Brandis – ein Gremium, in dem sich junge Menschen bis heute aktiv einbringen.
Gefördert wurde das Projekt durch das Bundesministerium des Innern (BMI) im Rahmen der Initiative “Regionale Open Government Labore”.
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