Birgit Richtberg steht in einem Empfangssaal und hält eine Rede. Personen stehen in einem Halbkreis um sie herum.

Wie aus Ärger über einen verschwundenen Spielplatz 18 Jahre als Bürgermeisterin wurden

Aus Ärger über einen umgewidmeten Spielplatz wurde ein jahrzehntelanges Engagement für die eigene Gemeinde: Dr. Birgit Richtberg blickt heute auf 18 Jahre als Bürgermeisterin, viele Jahre in der Kommunalpolitik und einen persönlichen Wandel in der Frage nach Frauen in der Politik zurück. Aktuell übt sie als erste Frau in ihrem Landkreis das Amt der Kreistagsvorsitzenden aus. Ihre Geschichte zeigt, wie politische Beteiligung oft nicht mit großen Idealen beginnt, sondern mitten im Alltag - dort, wo Entscheidungen plötzlich das eigene Leben betreffen.

Mit der Kommunalpolitik begann es für Birgit Richtberg aus einem ganz konkreten Anlass heraus: In ihrer Gemeinde sollte ein Spielplatz zu einem Bauplatz umfunktioniert werden. Als sie versuchte, sich dagegen einzubringen, machte sie eine Erfahrung, die sie bis heute geprägt hat: “Ich habe mich unglaublich über den Bürgermeister geärgert, der mich eiskalt abtropfen ließ, nachdem er einen Spielplatz zu einem Bauplatz umfunktioniert hatte. Es war sehr deutlich, dass man eigentlich keine Einmischung von außen wollte.”

Gerade dieser Moment wurde für sie zum Wendepunkt. Statt sich zurückzuziehen, entschied sie sich, selbst aktiv zu werden und die Entwicklungen in ihrer Gemeinde künftig  mitzugestalten. “Jetzt aber nicht mehr ohne mich hier vor Ort”, lautete ihre Konsequenz. Was aus Ärger begann, entwickelte sich schnell zu einem tiefen Engagement für die Kommune. Bereits kurze Zeit später wurde sie in den Kreis der kommunalpolitisch Aktiven aufgenommen.

Von Anfang an war ihr wichtig, sich vor Ort parteilos zu engagieren. Für sie stand nicht die Parteizugehörigkeit im Mittelpunkt, sondern die konkrete Arbeit für die Gemeinde und die Menschen vor Ort. Ihr erstes Engagement entstand deshalb bewusst außerhalb klassischer Parteipolitik – auch wenn es damals in enger Assoziation mit CDU und Freien Wählern stattfand. Gerade auf kommunaler Ebene sieht sie bis heute große Vorteile darin, pragmatisch und nah an den konkreten Anliegen der Menschen zu arbeiten, statt sich zu stark an parteipolitischen Linien zu orientieren.

Ihr Engagement intensivierte sich schnell: Richtberg wurde Ortsvorsteherin und schließlich 2004 zur Bürgermeisterin gewählt. Insgesamt 18 Jahre lang übte sie dieses Amt aus. Mit den Jahren begann sie, sich zusätzlich auf Kreis- und Landesebene zu engagieren – und rückte damit teilweise von ihrem ursprünglichen Grundsatz der Parteilosigkeit ab. Denn sie merkte, dass politische Gestaltungsmöglichkeiten auf höheren Ebenen häufig eng mit Parteien verbunden sin. Dieser Schritt wurde jedoch nicht nur positiv aufgenommen.

Zitat:

Bis heute ist sie dennoch überzeugt davon, dass parteiloses Engagement vor Ort eine besondere Stärke der Kommunalpolitik sein kann – gerade dann, wenn es darum geht, Menschen zusammenzubringen und gemeinsame Lösungen für die Gemeinde zu finden.

Besonders am Herzen lag ihr dabei die Frage, wie Gemeinden widerstandsfähig und lebenswert bleiben können – gerade im ländlichen Raum. Richtberg wollte sichtbar machen, welche Bedeutung Dörfer und kleinere Kommunen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben und wie wichtig es ist, das Spannungsverhältnis zwischen Stadt und Land ernst zu nehmen.

Ein Schwerpunkt ihrer Amtszeit war das Miteinander der Generationen. Die Gemeinde war früh Träger eines Mehrgenerationenhauses. Daraus entstand später ein großes Projekt zum Thema “Leben und Wohnen im Alter”, das bewusst gemeinsam mit den Bürger*innen entwickelt wurde. Die Menschen vor Ort wurden nicht nur in die Planung einbezogen, sondern wirkten auch später aktiv im Betrieb mit. Für Richtberg ist genau das ein Kern kommunalpolitischer Arbeit: Menschen beteiligen, Verantwortung teilen und gemeinsam Lösungen entwickeln.

Die Gretchenfrage “Wie hältst du es mit der Frauenquote?” ist für sie heute ganz klar

Mit den Jahren veränderte sich jedoch auch ihr eigener Blick auf Politik – besonders auf die Rolle von Frauen darin. Lange Zeit spielte Gleichstellung für sie persönlich kaum eine Rolle. Aufgewachsen als “nicht-männlicher Erbe” eines kleinen Bauernhofs, hatte sie früh gelernt, sich durchzusetzen. Dass sie das Gymnasium besuchen und später studieren konnte, verdankte sie vor allem der Initiative ihrer Mutter.

Ihre erste Begegnung mit der Frauenbewegung während des Studiums empfand sie zunächst als eher befremdlich. Die sehr kämpferisch auftretenden Frauen passten nicht zu ihrer eigenen Erfahrung, dass sie alles erreichen könne, was auch Männer erreichen. Auch später, in Führungspositionen an der Universität, in einer Agrardienstleistungsgesellschaft sowie in einem Wasser- und Bodenverband, machte sie überwiegend positive Erfahrungen in männlich geprägten Arbeitsumfeldern.

 

Selbst während ihrer langen Zeit als Bürgermeisterin war die Frage nach Frauenförderung für sie zunächst kein großes Thema. Die direkte Arbeit mit Menschen vor Ort, das Knüpfen persönlicher Beziehungen und die konkreten Gestaltungsmöglichkeiten standen im Vordergrund. Erst später – insbesondere durch ihr Engagement im Kreistag ab 2016 – begann sich ihr Blick zu verändern.

“Der Gedanke, dass es wirklich wichtig wäre, mehr Platz für Frauen zu schaffen, kam erst mit meinem Engagement im Kreistag – beziehungsweise nach meiner Zeit als Bürgermeisterin, also etwa zwischen 2016 und 2022. Dort fiel mir viel stärker auf, dass nicht nur die Zahl der Bürgermeisterinnen sehr gering ist, sondern auch die Zahl der Frauen in den Gremien insgesamt kaum zunimmt.

Im Kreistag war es genau dasselbe. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn es ist oft weniger als ein Drittel – wenn überhaupt ein Drittel – an Frauen vertreten. Und das ist definitiv noch nicht der Zustand, den wir uns wünschen sollten, wenn wir sagen, dass uns als Frauen die Hälfte der Welt gehört.”

Vier Frauen stehen vor einem Kindergarten mit zwei Aufstellern. Auf dem einen steht

Heute vertritt Richtberg deshalb eine klare Haltung: Frauen brauchen sichtbare Plätze in der Politik – und manchmal auch strukturelle Unterstützung, um diese Plätze tatsächlich einzunehmen. Ihre Haltung zur Frauenquote hat sich grundlegend verändert. Während sie früher überzeugt war, dass Leistung allein ausreiche, sieht sie heute die Gefahr, dass Plätze automatisch wieder männlich besetzt werden, wenn Frauen sie nicht aktiv einnehmen können.

“Ich bin heute davon überzeugt, dass man zunächst Platz für Frauen schaffen muss, um ihnen auch zu zeigen: Das ist euer Platz. Wenn ihr ihn nicht einnehmt, bleibt er vielleicht nicht leer – aber er wird von einem Mann besetzt. Und der macht das vielleicht auch gut, aber er bringt nicht die Perspektiven und Erfahrungen einer Frau mit.”

Gerade deshalb versucht sie heute auch in ihrer aktuellen Funktion als kommunalpolitische Multiplikatorin im Projekt Frauen.Vielfalt.Politik., andere Frauen gezielt zu ermutigen und für ein politisches Engagement zu gewinnen. Gemeinsam mit anderen kommunalpolitisch aktiven Frauen sprach sie zuletzt beispielsweise junge Frauen vor dem örtlichen Kindergarten an, um diese überparteilich zu einer Veranstaltung “Mehr Frauen in die Politik – Sekt oder Selters für uns Frauen” einzuladen. Ziel der Veranstaltung war es, ins Gespräch zu kommen und für ein politisches Engagement zu werben. Ein niedrigschwelliger Ansatz – aber genau solche persönlichen Begegnungen hält sie für entscheiden.

Zwischen Öffentlichkeit und Privatleben – ansprechbar, aber auch angreifbar.

Kommunalpolitik endet für Birgit Richtberg nicht mit Feierabend. Gerade als hauptamtliche Bürgermeisterin erlebte sie, wie sehr politische Verantwortung auch das Privatleben prägt. Wer kommunalpolitisch aktiv ist, sei “ansprechbar – aber auch angreifbar”, beschreibt sie ihre Erfahrung. Im Dorf, bei Veranstaltungen oder unterwegs im Alltag blieb sie dadurch selten einfach nur Privatperson. Entscheidungen wurden diskutiert, Erwartungen an sie herangetragen und Kritik häufig sehr persönlich formuliert.

Die Aufgabe habe viel Kraft gekostet, gleichzeitig aber auch große Erfüllung gebracht. Für sie sei das Bürgermeisterinnenamt deshalb “nie nur ein Beruf, sondern immer auch Berufung” gewesen.

Zur Person

Dr. Birgit Richtberg engagiert sich seit vielen Jahren in der Kommunalpolitik. Sie war Ortsvorsteherin und 18 Jahre lang Bürgermeisterin in ihrem Heimatort. Aktuell ist sie als erste Frau Kreistagsvorsitzende in ihrem Landkreis.

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Ein Projekt der EAF Berlin in Kooperation mit dem Deutschen LandFrauenverband