Nicht warten, machen: Wie engagierte Polinnen politische Teilhabe gestalten
Zur Autorin
Dieser Beitrag entstand gemeinsam mit Anna Stahl-Czechowska von agitPolska e.V. Sie engagiert sich seit vielen Jahren an der Schnittstelle von deutsch-polnischer Communityarbeit, Frauenvernetzung und politischer Teilhabe. Seit 2021 arbeitet sie in der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung und ist freiberuflich tätig.
Polinnen und Polen gehören zu den größten migrantischen Communities in Deutschland. Laut dem Statistischen Bundesamt leben in Deutschland ca. 900.000 Menschen mit polnischer Staatsangehörigkeit. Berücksichtigt man Personen mit polnischer Migrationsgeschichte sind es noch mal so viele. Etwa die Hälfte davon sind Frauen.
Die Engagierten: Nicht lange diskutieren, sondern machen
Polinnen in Deutschland haben sehr diverse Biografien, bilden alle möglichen Generationen ab und sie sind aus verschiedenen Gründen und in unterschiedlichen Zeiten nach Deutschland gekommen. Aus politischen oder wirtschaftlichen Gründen, wegen (Aus)Bildung, der Liebe hinterher oder nur so für zwischendurch, etwa für ein Projekt.
Was viele verbindet, ist ein starkes Engagement – meist zunächst außerhalb klassischer politischer Strukturen. Viele organisieren sich in Vereinen, Initiativen oder digitalen Netzwerken und greifen dort Themen auf, die von bestehenden Regelstrukturen noch nicht ausreichend abgedeckt werden.
Dazu gehören Beratungsangebote zum Ankommen in Deutschland, Sprachförderung, soziale Unterstützung, Arbeitsmarktteilhabe oder Gründungsberatung.
- Polki w Berlinie e.V.
- WIR Hamburg e.V.
- Landesinitiative Polnischsprachiger Eltern und Familien Hessen e.V.
- Oświata e.V.
- Polnischer Sozialrat e.V.
- Polnische Frauen in Wirtschaf und Kultur e.V.
- Auch dürfen Kunst, Kultur (Beispiel: Europolis Köln e.V.) und Literaturprojekte sowie Geschichtsprojekte (Beispiel: Ambasada Polek e.V.) nicht fehlen.
Engagement aus der Community heraus
Polinnen warten nicht auf bestehende Regelstrukturen – sie wissen selbst am besten, wo konkrete Bedarfe bestehen. Sobald ein Thema sichtbar wird, das Unterstützung oder Handlung erfordert, wird es häufig direkt aufgegriffen und organisiert.
Gerade diese Geschwindigkeit, Agilität und der Mut, neue Wege auszuprobieren, erinnern teilweise an die Arbeitsweise professioneller Start-ups. Projekte und Initiativen entwickeln sich ständig weiter, reagieren flexibel auf gesellschaftliche Veränderungen und passen sich neuen Bedarfen an. Diese Offenheit gegenüber Veränderung ist oft nicht nur eine Stärke, sondern auch notwendig, um Projekte und Angebote trotz begrenzter zeitlicher und personeller Ressourcen langfristig aufrechterhalten zu können.
Gesellschaftliches Engagement ist auch politisch
Auch wenn viele Initiativen zunächst aus konkreten Alltagserfahrungen heraus entstehen, greifen sie häufig hochpolitische Themen auf. Dazu gehören Sprachförderung und Bildung, bildungsadäquate Arbeit und faire Bezahlung – etwa mit Blick auf den sogenannten Migration Gender Pay Gap -, aber auch Herausforderungen rund um Pflege, wirtschaftliche Teilhabe, Demokratie, Parität und Frauenrechte.
Gerade bei den Themen Demokratie und Frauenrechte zeigen viele in Deutschland lebende Polinnen auch transnationale Solidarität:
Zwischen Engagement und politischen Strukturen
In klassischen Strukturen politischer Teilhabe – etwa Parteien, Beiräten, Gewerkschaften oder dem öffentlichen Dienst – engagieren sich bislang noch vergleichsweise wenige Frauen mit polnischer Migrationsbiografie. Dabei wäre ihr Potenzial deutlich größer.
Dass politische Wege dennoch möglich sind, zeigen unter anderem die 20 porträtierten Frauen auf der Plattform Porta Polonica, der digitalen Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Pol*innen in Deutschland. Die Beispiele machen sichtbar, wie unterschiedlich die Wege in politische Verantwortung aussehen können – und sollen gleichzeitig andere Frauen ermutigen, sich ebenfalls politisch einzubringen.
Welche Hürden bestehen?
Um mehr Polinnen für klassische politische Strukturen zu gewinnen, müssten allerdings einige Hürden abgebaut werden. Noch immer wird die Ansprache häufig stark nur auf Sprache oder Integration reduziert. Dabei sind die Themen, für die sich viele Polinnen engagieren, deutlich breiter: wirtschaftliche Teilhabe, Frauenrechte oder gesellschaftlicher Zusammenhalt.
Wichtig wäre daher eine Ansprache, die die tatsächliche Expertise und die vielfältigen Interessen von Frauen mit polnischer Migrationsgeschichte stärker berücksichtigt – und sie nicht nur auf deutsch-polnische Themen reduziert.
Netzwerke als Schlüssel zur politischen Teilhabe
Eine entscheidende Rolle spielen außerdem Netzwerke. Frauen mit Migrationsbiografie stoßen häufig später zu politischen Strukturen dazu und verfügen dadurch oft nicht über die informellen Kontakte und Zugänge, die andere über viele Jahre hinweg aufbauen konnten. Viele müssen sich diese Netzwerke erst im Erwachsenenalter erarbeiten – was politische Teilhabe zusätzlich erschwert.
Umso wichtiger sind Formate, die gezielt Zugänge schaffen. Als hilfreich haben sich dabei insbesondere Role Models und Mentoringprogramme erwiesen, etwa das Mentoringprogramm PolMotion der Bewegung der polnischen Frauen von agitPolska e.V. Solche Angebote – gerne auch digital und langfristig angelegt – können bundesweit Orientierung, Vernetzung und Sichtbarkeit schaffen.
Auch die Sichtbarkeit von Frauen, die bereits politische Ämter ausüben, kann anderen Mut machen, ähnliche Wege einzuschlagen. Denn politisches Engagement und insbesondere eine Kandidatur für ein Amt setzen häufig stabile berufliche Rahmenbedingungen, Zeit und Netzwerke voraus – Ressourcen, die nicht selbstverständlich vorhanden sind. Solange Frauen mit polnischer Migrationsgeschichte in politischen Ämtern unterrepräsentiert bleiben, fehlen auch ihre Perspektiven und Erfahrungen in politischen Entscheidungsprozessen.
Die Stärke der “Macherinnen”
Ob in Vereinen, Initiativen oder politischen Strukturen: Viele engagierte Polinnen verbindet eine starke Handlungsorientierung. Sie bringen Projekte ins Rollen, arbeiten pragmatisch und gehen häufig unkonventionelle Wege.
Viele von ihnen haben gesellschaftliche Transformationsprozesse nicht nur einmal, sondern mehrfach erlebt – etwa durch Erfahrungen in Polen und Deutschland. Dadurch bringen sie oft eine besondere Resilienz und Perspektivenvielfalt in gesellschaftliche Debatten ein.
Hinzu kommt eine starke digitale Vernetzung. Viele engagierte Polinnen bewegen sich selbstverständlich zwischen verschiedenen Communities, Sprachen und digitalen Räumen. Soziale Medien dienen dabei nicht nur dem Austausch, sondern auch der Beratung, politischen Mobilisierung, Projektentwicklung und gegenseitigen Unterstützung – häufig gleichzeitig auf Polnisch, Deutsch und Englisch. Gerade diese Offenheit für digitale und innovative Wege ist eine große Stärke ihres Engagements.
Fazit: Potenziale sichtbar machen und stärken
In diesem Jahr feiern wir 35 Jahre sog. Deutsch-Polnischen Nachbarschaftsvertrag. Das Jubiläum bietet auch die Chance, stärker in nachhaltige deutsch-polnische Netzwerke und Begegnungsräume zu investieren – etwa in ein deutsch-polnisches Frauennetzwerk, das gesellschaftlich und politisch engagierte Frauen miteinander verbindet.
Denn die Perspektiven, Erfahrungen und Kompetenzen engagierter Polinnen können politische und gesellschaftliche Debatten in Deutschland bereichern. Gleichzeitig lohnt sich das Jubiläumsjahr auch für eine stärkere Begegnung mit der polnischen Community insgesamt.
Eine Gelegenheit dazu bietet 2026 eine Ausstellung über 20 Polinnen, die politische und gesellschaftliche Strukturen in Deutschland mitgestalten. Mehr dazu bald auf den Social-Media-Kanälen von agitPolska.
Do zobaczenia!
Sie müssen den Inhalt von hCaptcha laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen


