Zu sehen ist eine Baustelle, ein Bagger und eine Gruppe von Menschen. Sie stehen um einen Erdhügel herum und halten einen Spaten in der Hand, mit welchem sie in die Erde stechen.

“Bis die Kinder einziehen können, vergeht eine Kindergartengeneration”

Kathrin Leininger weiß, wie lang kommunalpolitische Prozesse dauern können - und warum sich Engagement trotzdem lohnt. Die erfahrene Kommunalpolitikerin erzählt, warum Geduld in der Kommunalpolitik unverzichtbar ist und weshalb sie bis heute andere Frauen ermutigt, Verantwortung vor Ort zu übernehmen.

Als Kathrin Leininger 1999 für den Ortschaftsrat kandidiert, sitzt dort keine einzige Frau. Das Gremium besteht ausschließlich aus Männern. Abschrecken lässt sie sich davon nicht. Im Gegenteil: Gerade deshalb will sie Verantwortung übernehmen und mitgestalten.

Politik begleitet sie schon seit ihrer Kindheit. Ihr Vater war Gemeinderat und Bürgermeisterstellvertreter, zuhause wurde über Entscheidungen im Ort diskutiert, über Verantwortung und darüber, wie man Dinge voranbringt. Später engagiert sie sich selbst als Vorsitzende der LandFrauen in ihrem Heimatort. Dann kommt die Frage, ob sie kandidieren möchte. Für sie ist schnell klar: Wer vor Ort etwas verändern will, muss sich einbringen.

Aus diesem ersten Schritt werden viele Jahre kommunalpolitisches Engagement – als Gemeinderätin, Kreisrätin und Ortsvorsteherin in Baden-Württemberg.

Rückblickend spricht Leininger nicht zuerst über politische Erfolge oder Ämter. Sie spricht darüber, was diese Zeit mit ihr gemacht hat. Kommunalpolitik habe sie gelehrt, zuzuhören, zu vermitteln und Menschen zusammenzubringen. Sie habe gelernt, kritisch zu hinterfragen, Kompromisse einzugehen und Verantwortung zu übernehmen. Über die Jahre entstand ein wertvolles Netzwerk, gleichzeitig entwickelte sie sich persönlich weiter und übernahm Führungsaufgaben.

Vor allem aber beschreibt sie ihre politische Arbeit als sinnstiftend. Die Möglichkeit, das Leben in der Gemeinde und im Landkreis aktiv mitzugestalten, sei für sie immer etwas Besonderes gewesen. Doch Kommunalpolitik bedeutet nicht nur Gestaltung – sondern oft auch Geduld. Sehr viel Geduld.

Wie langwierig politische Prozesse sein können, zeigt sich für Leininger besonders an einem Kindergartenprojekt, das sie über Jahre begleitet hat. Eigentlich beginnt alles mit einer einfachen Frage: Kann der bestehende Kindergarten erweitert werden? Doch daraus entwickelt sich ein jahrelanger Planungsprozess.

 

Zunächst wird geprüft, ob am bisherigen Standort überhaupt genug Platz vorhanden ist. Der Raumbedarf muss ermittelt werden, rechtliche Vorgaben spielen eine Rolle, verschiedene Möglichkeiten werden diskutiert. Schließlich fällt die Entscheidung: Statt eines Ausbaus soll ein neuer Kindergarten entstehen. Doch damit beginnt die eigentliche Arbeit erst.

Wo soll gebaut werden? Welche Standorte kommen infrage? Grundstücksfragen müssen geklärt werden, ein Architektenwettbewerb wird organisiert, Gespräche mit dem Träger und den Erzieher*innen folgen. Gleichzeitig geht es um Fördermittel, Finanzierung und gesetzliche Vorgaben. Parallel dazu muss der Bebauungsplan aufgestellt werden. Es gibt Einsprüche, Änderungen und neue Abstimmungen. Dann folgen Bauantrag, Genehmigungen und die Erschließung des Geländes.

“So vergeht die Zeit bis zum ersten Spatenstich”, sagt Leininger.

Der Satz wirkt beinahe nüchtern. Doch dahinter steckt die Erfahrung, dass politische Entscheidungen vor Ort oft deutlich komplizierter sind als es von außen erscheint. Viele Schritte seien notwendig und auch sinnvoll, betont sie. Trotzdem fühle sich Fortschritt manchmal quälend langsam an.

Ein Satz bringt dieses Gefühl besonders auf den Punkt: “Bis die Kinder dann wirklich einziehen können, vergeht mindestens eine Kindergartengeneration.”  Es ist ein Satz, der hängen bleibt – weil er beschreibt, wie Kommunalpolitik oft funktioniert: Schritt für Schritt, Verfahren für Verfahren, Diskussion für Diskussion.

Und trotzdem würde Leininger ihren Weg wieder gehen. Und deshalb engagiert sie sich heute auch als Multiplikatorin im Projekt Frauen.Vielfalt.Politik, um andere Frauen zu ermutigen, sich in politische Gestaltungsprozesse vor Ort einzubringen.

Denn trotz langer Sitzungen, komplexer Prozesse und manchmal zäher Entscheidungen überwiegt für sie etwas anderes: das Gefühl, tatsächlich etwas bewegen zu können. Nicht irgendwo abstrakt, sondern direkt vor Ort – dort, wo Menschen ihren Alltag leben.

Vielleicht liegt genau darin für sie bis heute die besondere Stärke der Kommunalpolitik. Nicht in schnellen Schlagzeilen oder großen Inszenierungen, sondern in den oft kleinen Entscheidungen, die langfristig verändern, wie Menschen zusammenleben.

Zur Person

Bild von Kathrin Leininger.Kathrin Leininger ist langjährige Kommunalpolitikerin in ihrem Heimatort in Baden-Württemberg und war bereits als Gemeinderätin, Kreisrätin und Ortsvorsteherin tätig.

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Ein Projekt der EAF Berlin in Kooperation mit dem Deutschen LandFrauenverband