Gewinnung und Förderung von Frauen in Parteien – und jenseits davon?
Welche Veränderungen brauchen Parteien, um mehr Frauen anzusprechen und als Mitglieder zu gewinnen? Und wie steht es um politische Teilhabechancen von Frauen dort, wo zunehmend freie Wählervereinigungen oder parteilose (Einzel-) Kandidaturen um Ämter und Mandate das Bild bestimmen?
Im Fachforum “Gewinnung und Förderung von Frauen in Parteien – und jenseits davon?” am 18.05.2026 im Rahmen des Projekts Frauen.Vielfalt.Politik. beleuchteten die Referent*innen Prof. Dr. Corinna Kröber und Dr. habil. Benjamin Höhne diese Fragen aus wissenschaftlicher Perspektive und formulierten konkrete Handlungsempfehlungen an die Parteien.
Gewinnung und Förderung von Frauen in Parteien
Frauen fehlen in Parteien und Politik nicht aufgrund mangelnder Kompetenz oder geringen Interesses. Vielmehr erschweren strukturelle und kulturelle Barrieren den Zugang zu Parteien – und damit auch zur Politik.
Frauen übernehmen nach wie vor den Großteil der Care-Arbeit, dadurch bleibt weniger Zeit für politisches Interesse und aufwendiges Engagement. Um langfristige Beteiligung in Parteien für alle zu ermöglichen, braucht es flexible und familienfreundliche Strukturen. Dazu gehören digitale bzw. hybride Sitzungen ebenso wie familienfreundliche oder rotierende Sitzungszeiten. Diese Strukturen müssen möglichst flexibel auf die konkreten Anforderungen vor Ort angepasst sein.
Hinzu kommt eine männlich geprägte Parteikultur, die bestehende Ungleichheiten verstärkt. Informelle Netzwerke, Stammtische oder persönliche Kontakte entscheiden oft darüber, wer angesprochen und gefördert wird – und davon profitieren meist Männer. Parteien müssen deshalb informelles politisches Wissen für Frauen beispielsweise über Mentoring transparenter und verfügbarer machen, formelle Rekrutierungswege schaffen, etwa über Social-Media oder E-Mail-Verteiler, und frühzeitige Nominierungsfristen setzen.
Ebenso wichtig ist es, politische Ambitionen von Frauen gezielt zu stärken, etwa indem Parteieliten, aber auch andere Parteimitglieder Frauen direkt ansprechen und Vorbilder sichtbar machen.
Auch Sexismus und digitale Gewalt stellen erhebliche Hürden dar. Besonders Frauen in der Politik sind davon betroffen. Sie werden häufiger als weniger kompetent wahrgenommen – sowohl von der Wählerschaft als auch innerhalb der Partei. Das beeinflusst ihre Chancen auf Kandidaturen und Wahlerfolge. Daher gilt es auch, von vornherein aussichtslose Kandidaturen von Frauen, so genannte Opferlamm-Kandidaturen, zu vermeiden, da diese die Zweifel an der Kompetenz von Frauen erhöhen. Gleichzeitig erleben Politikerinnen häufiger digitale Angriffe und Anfeindungen. Parteien müssen diese Probleme als geschlechtsspezifische Herausforderungen anerkennen, sich öffentlich dagegen positionieren und Beratungsangebote schaffen.
Die Forschung zeigt, dass vor allem verbindliche Maßnahmen zu Veränderungen führen. Als wirksamstes Instrument erweisen sich gesetzliche Quoten. Freiwillige parteiinterne Quotenregelungen müssen konsequent umgesetzt und von Sanktionierungsmöglichkeiten und kontinuierlichem Monitoring begleitet werden. Transparenz über Frauenanteile und Listenplätze herzustellen, hält Professorin Corinna Kröber für wichtig, damit Ungleichgewichte sichtbar werden und Druck zur Veränderung entsteht. Unsichtbare Barrieren für Frauen zu politischen Ämtern müssen auch dadurch bekämpft werden, indem informelle männliche Netzwerke und Privilegien sichtbar gemacht und hinterfragt werden.
Konkrete Handlungsempfehlungen für Parteien
- familienfreundliche oder rotierende Sitzungszeiten
- hybride oder digitale Sitzungen
- Betreuungsangebote während der Sitzungen
- formelle Rekrutierungswege, z.B. über Social-Media oder den E-Mail-Verteiler
- gezielte Ansprache von Frauen zur Rekrutierung
- frühzeitige und lange Nominierungsfristen
- sichtbare Vorbilder und Mentoringprogramme
- Quotenregelungen, Sanktionsoptionen und Monitoring
- klare Positionierung gegen Sexismus und digitale Gewalt sowie entsprechende Unterstützungsangebote
Freie Wähler*innen-Vereinigungen und Parteilosigkeit: Chance oder Risiko?
Auf kommunaler Ebene ist die Bedeutung von Parteien insgesamt geringer als auf anderen politischen Ebenen. Hinzu kommt, dass die etablierten Parteien bereits seit längerem an Bindekraft verlieren und sich auf kommunaler Ebene eher im Rückzug befinden. Das zeigt sich in Ostdeutschland nochmal stärker als in Westdeutschland. Freie Wähler*innen-Vereinigungen gewinnen an Bedeutung. Gerade in der Kommunalpolitik treten zunehmend auch parteilose Kandidat*innen an.
Entstehen durch den Rückzug von Parteien und durch Parteilosigkeit neue Chancen für Frauen oder verschärfen diese Trends bestehende Ungleichheiten?
Auf den ersten Blick kann Parteilosigkeit Türen öffnen. Wer nicht den Weg über klassische Parteistrukturen gehen muss, ist auch weniger abhängig von männlich geprägten Parteikulturen und innerparteilichen Hürden. Barrieren wie männlich dominierte Netzwerke oder informelle Rekrutierungswege können dadurch an Bedeutung verlieren.
Doch andererseits muss, wer ohne Unterstützung einer Partei kandidiert, vieles selbst mitbringen: Sichtbarkeit, finanzielle und zeitliche Ressourcen für den Wahlkampf, personelle Unterstützung bei der eigenen Kampagne sowie Netzwerke. Gerade diese Ressourcen sind zwischen Frauen und Männern ohnehin ungleich verteilt und können für Frauen zusätzliche Hürden schaffen.
Den „schleichenden Rückzug“ von Parteien auf kommunaler Ebene wertet Dr. Höhne deshalb als ambivalent für die politische Teilhabe von Frauen. Einerseits können schwächere Parteistrukturen Raum für neue Formen des Engagements schaffen – andererseits fallen damit auch Instrumente weg, die Parteien nutzen können, um Frauen gezielt zu fördern: dazu gehören verbindlich umgesetzte Quotenregelungen, Mentoringprogramme oder Netzwerke.
Das bestätigen auch Statistiken: Der Frauenanteil bei Ratsmitgliedern, die einer „sonstigen Vereinigung“ jenseits der bekannten Parteien angehören, liegt unter dem bundesweiten Durchschnitt.
Aus der Sicht von Dr. habil. Benjamin Höhne verfügen Parteien über sehr wirksame Instrumente zur Frauenförderung. Sie sollten aber auch bereit sein, neue Wege zu gehen und beispielsweise Maßnahmen wie Vorwahlen bei der Aufstellung der Kandidierenden auszuprobieren. Für Frauen, die den Weg in die Kommunalpolitik außerhalb von Parteien wagen, sind vielfältige Unterstützungsangebote wichtig. Dies ist eine Gemeinschaftsaufgabe für Staat, Zivilgesellschaft und Wirtschaft.
Die Referent*innen

Prof. Dr. Corinna Kröber ist Inhaberin des Lehrstuhls für Vergleichende Politikwissenschaft an der Universität Greifswald. Ihre Forschungsinteressen liegen auf Parlamenten, Regierungen und der Rolle von Frauen in diesen. Sie hat insbesondere Interesse an der Erforschung subtiler Barrieren für Frauen in der Politik im 21. Jahrhundert.
Dr. habil. Benjamin Höhne vertritt seit April 2024 die Professur Europäische Regierungssysteme im Vergleich an der Technischen Universität Chemnitz. Seine Forschungs- und Lehrbereiche sind politische Parteien, das Regierungssystem der Bundesrepublik Deutschland mit Schwerpunkt auf Ostdeutschland, politische Partizipation und Repräsentation. Zudem beschäftigt er sich mit den Themen Populismus, Gender und Vielfalt in Parteien und Parlamenten. Sein Beitrag im Fachforum entstand mit Unterstützung der Masterstudentin Lena Buscher.
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